Quorn Aufschnitt Das kalorienarme Produkt enthält jede Menge Eiweiß
Quorn Aufschnitt Das kalorienarme Produkt enthält jede Menge Eiweiß

Mysteries Nr. 6 –Nov./Dez.2008

 

Vegi-Fleisch: Wieso beißt Deutschland nicht an?

 

Im Mund fühlt es sich wie Putenfleisch an – besteht aber aus Pilz und Eiweiß und schlägt Tofu kulinarisch um Längen. Dennoch ist der beliebte vegetarische Fleischersatz „Quorn“ im Gegensatz zur Schweiz und vielen anderen europäischen Ländern in Deutschland immer noch nicht erhältlich. Sehr zum Ärger vieler Vegetarier, Ernährungsbewusster und Tierfreunde.

 

„Quorn? Nie gehört!“ Die Mediensprecherin des bekannten deutschen Bio-Labels „Demeter“ zuckt hilflos mit den Achseln. Ähnlich die Reaktion beim deutschen Bundesverband „Naturkost Naturwaren“ (Hersteller und Handel): „Davon höre ich heute zum ersten Mal“, hieß es auf telefonische Anfrage von „mysteries“: „Selbst unsere Experten wissen nichts darüber.“


Was also ist „Quorn“? „Der Traum für alle, die Fleisch mögen, aber darauf verzichten möchten“, wie Schweizer Vegetarier und andere Ernährungsbewusste seit Jahren schwärmen, „Ein natürlich hergestelltes Pilzprodukt ohne Gentech-Veränderung, das wie Puletfleisch schmeckt und sich beim Kauen erst noch prima faserig anfühlt“, wie es herkömmliche Konsumenten erfreut beschreiben.


Oder um Quorn wissenschaftlich korrekt zu umschreiben: „Ein Produkt, das durch den natürlichen Fermentierungsprozess des Pilzes (Fusarium venenatum) gewonnen wird.“ Dieser natürliche Wachstumsprozess gleicht demjenigen der Bier-, Hefe- oder Joghurtproduktion.

 

Quorn besteht somit zur Hauptsache aus Mykoprotein – also Pilzeiweiß. Angereichert wird das cholesterinarme Gemisch mit Vitaminen und Mineralien. Sowie mit Eiweiß aus Hühnereiern als Bindemittel, um dann in einem patentierten Verfahren zu vegetarischem Fleischersatz verarbeitet zu werden.


Zu kaufen gibt es das in Großbritannien seit 1984/1985 von der Firma Marlow Foods produzierte „Quorn“ in der Schweiz seit vielen Jahren exklusiv beim Großverteiler Migros. Dort wird der Fleischersatz mittlerweile in etlichen Varianten angeboten, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. So etwa als Schnitzel, mariniertes Steak, Wurst oder als Gehacktes.


Und: Im Gegensatz zu Tofu, der vielen Gourmets schnell in den falschen Hals gerät, schmeckt „Quorn“ tatsächlich!

Seltsam aber wahr: Was in der Schweiz seit langem erhältlich ist, sucht man in Deutschlands Naturkostläden, Reformhäusern, aber auch in konventionellen Lebensmittelketten vergeblich.

 

Gerademal in zwei grenznahen Filialen der belgischen Supermarkt-Kette Delhaize kann das Produkt in Köln und Aachen derzeit gekauft werden. Sonst nirgendwo! Das ist umso unverständlicher, als Quorn seinen vegetarischen Siegeszug neben England, den USA, Belgien und der Schweiz mittlerweile längst auch in den Niederlanden, Schweden, Dänemark oder Norwegen angetreten hat. Und bald wohl auch in Irland, wo es in Kürze ebenfalls eingeführt werden soll. Warum gibt es Quorn in Deutschland also nicht zu kaufen?

 

Bio-Märkte: „Kein Interesse“

Im Fall der Bio-Hersteller scheint der Fall klar. Oder wie es Stefanie Neumann von der größten deutschen Biosupermarktkette Alnatura nach Rücksprache mit ihren Produktentwicklern gegenüber „mysteries“ formuliert: „Da Quorn nicht in der von uns gewünschten Bio-Qualität verfügbar  scheint, orten wir im Gegensatz zu Tofu kein Verkaufspotenzial.

 

Wenngleich es tatsächlich schmeckt wie Fleisch, wie auch unsere Spezialisten einräumen müssen…“

Warum greifen dann zumindest nicht klassische Großverteiler wie Edeka und Konsorten zu? Das Schweizer Konsumentenmagazin „Saldo“ zitierte dazu bereits 2006 Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München: „Dass Quorn in Deutschland nicht verkauft wird, hat wohl mit der Stimmungslage der Bevölkerung zu tun“, spekuliert er.

 

„Die will kein Kunstprodukt.“ Das mag für bekennende Bio-Fans vielleicht zutreffen, nicht aber für Vegetarier oder Konsumenten, die ihre Ernährungsgewohnheiten lediglich umstellen möchten. Kommt dazu, dass bei genauerer Analyse mittlerweile wohl etliche deutsche Lebensmittel als industrielle „Kunstprodukt“ bezeichnet werden müssen. Nicht zuletzt klassische „Frucht-Joghurts“, die statt Früchten eingefärbte Biomasse enthalten. Ebenso wie etliche günstige Putenplätzchen, Chicken-Nuggets oder Fischstäbchen, die aus Kostengründen aus synthetisch aufbereitetem Eiweißbrei gepresst werden.


Wer außerdem einen Blick in die zahlreichen Ernährungs-Diskussionsforen im Internet wirft, kann das riesige Interesse, das dem schmackhaften Pilzprodukt auch in Deutschland und Österreich entgegen gebracht wird, ebenfalls nicht übersehen.

 

„Wenn meine Jungs vom Büro mal wieder dienstlich in Vorarlberg unterwegs sind, schick ich sie sowieso gleich wieder in die Schweiz rüber zum Quorn-Bunkern“, liest man dort etwa.

 

„Und meine Schwägerin aus England hat auch immer schwer zu schleppen, wenn sie nach Österreich kommt!“


Oder: „Ich komme mit Tofu auch nicht zurecht. Die Konsistenz und der Geschmack von dem Quorn-Zeug dagegen ist so, dass man damit sogar bekennende Fleischesser reinlegen könnte!“


Die Marktlücke scheint offensichtlich, wenngleich sich ein Import von tiefgefrorenem Quorn ob der damit verbundenen Logistik wohl nur für finanzstarke Großabnehmer lohnen dürfte. Genau die aber zeigen dem Fleischersatz in Deutschland seit Jahren die kalte Schulter. Unter ihnen auch Marktleader Edeka.


Dazu Pressesprecher Alexander Lüders gegenüber „mysteries“: „Wir haben auf Ihre Nachfrage hin sowohl mit verschiedenen Edeka-Warenbereichen als auch beispielhaft mit einzelnen Regionalgesellschaften gesprochen.

 

Ergebnis: Uns liegen zum jetzigen Zeitpunkt keine Anzeichen dafür vor, dass es eine ausgeprägte Nachfrage nach diesem Produkt gibt.“

 

<<Soso! Fehlende Marktresonanz?>>


Zwar bestätigt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., dass Quorn 1992/1993 in Testmärkten in Nordrhein-Westfalen und im Großraum München kurzfristig angeboten wurde – dann aber wegen fehlender Marktresonanz bald wieder aus dem Sortiment flog.

 

Nur: Das ist mittlerweile über 15 Jahre her! Und seither denken immer mehr Menschen darüber nach, wie sie ihre Ernährung gesünder und tiergerechter gestalten könnten. Ganz zu schweigen von all den Fleischskandalen, die seither unappetitliche Schlagzeilen schrieben.


Bei Marlow Foods bestätigt man das kommerzielle Desinteresse am Produkt in Deutschland ebenfalls, mag aber seltsamerweise „keine weiteren Auskünfte“ dazu geben. Sind andere europäische Nationen also schlicht offener, wenn es um fleischlose Nahrungsalternativen geht?

 

Oder hat die mächtige deutsche Fleischlobby im Hintergrund erfolgreich Druck gegen eine Einfuhr des vegetarischen Fleischersatzes gemacht, weil sie Absatzeinbußen befürchtet? Durchaus möglich, schließlich zeigen speziell die Erfahrungen in der Schweiz, dass gerade auch viele Nichtvegetarier gerne zu Quorn-Produkten greifen, wie Migros-Pressesprecherin Monika Weibel gegenüber „mysteries“ bestätigt: „Rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung zählt zu den so genannten Teilzeitvegetariern.

 

Interessant ist, dass die meisten Quorn-Produkte bei uns von exakt diesen Konsumenten gekauft werden.“ Wenngleich das Produkt höchsten biologischen Ansprüchen also nicht genügen kann und manchen ob seiner pilzigen Laborherkunft gar leicht suspekt scheinen mag: Schmecken tut der ebenso fettarme wie cholesterinfreie und eiweißreiche Fleischersatz allemal lecker! Außerdem müssen dafür keine Tiere leiden und sterben.


Und: In der Schweiz ist Quorn sogar von der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus (SVV) offiziell zertifiziert und mit dem firmenunabhängigen „Europäischen Vegetarismus-Label“ ausgezeichnet, entspricht also grundsätzlich allen geforderten und gewünschten Vegetarier-Ansprüchen.

 

Bedauerlich, dass diese vielversprechende Fleischalternative deutschen Konsumenten bewusst vorenthalten wird.

 

 

Ich danke Luc Bürgin für die Freigabe des Artikels
für "Zurück zur Natur"  >>Nachrichten<<

 


Quelle: MYSTERIES-Magazin